So wollen die Kadetten die Top-Adresse im Schweizer Handball bleiben

kadetten1. Mannschaft, Allgemein, Quickline Handball League

Sportlich läufts bei den Schaffhauser Handballern, es winkt der fünfte Meistertitel in Folge – und auch im Europacup soll es weit gehen. Klubpräsident Giorgio Behr erklärt, wie das Erfolgsmodell der Kadetten auch zukünftig weiter aufgehen soll – trotz erstarkter Konkurrenz.

    Es war schon ein beachtliches Ausrufezeichen, das die Kadetten am vergangenen Dienstag im ersten Gruppenspiel der European League gesetzt haben. Gegen den spanischen Traditionsklub Ademar León, der auch schon in der Champions League spielte und in der spanischen Liga Asobal zu den führenden Vereinen gehört, feierten die Schaffhauser Handballer einen klaren 30:22-Sieg, der Lust auf mehr macht. Auch bei Giorgio Behr. Der Kadetten-Präsident wirkt zufrieden. Dazu hat er auch allen Grund: Die ersten zehn Ligaspiele hat der Schweizer Serienmeister allesamt gewonnen, auch international läuft es. Die Mannschaft ist in bestechender Form.

    «Unser Spiel wirkt vor allem im Angriff strukturierter und stabiler», sagt Behr. Das Team habe sich im Vergleich zur Vorsaison mit den Neuzugängen auf Rückraum Mitte und am Kreis verbessern können, auf allen anderen Positionen sei man mindestens genauso gut besetzt und als Mannschaft erfahrener geworden. Trotzdem möchte der 77-jährige Unternehmer nicht von einem Alleingang der Kadetten in der Quickline Handball League reden. Im Gegenteil: «Ein Teil der Gegner ist klar stärker als im Vorjahr. Pfadi Winterthur, Wacker Thun und St. Otmar jedenfalls, auch der RTV Basel – aber auch die Erfolge von Suhr Aarau, dem BSV Bern und Kriens-Luzern in den ersten internationalen Begegnungen sprechen für die Qualität der Schweizer Liga», ist Behr überzeugt.

    Darum wehrt sich Behr gegen die Etikettierung als «Liga-Krösus»

    Bei aller Vormachtstellung der Kadetten – die Konkurrenz schläft nicht. Besonders nicht in der Innerschweiz. Beim HC Kriens-Luzern schickt man sich an, die Dominanz der Kadetten zu durchbrechen. «Die Herausforderungen werden immer grösser, die finanziellen Mittel bei Kriens-Luzern sind mit jenen der Kadetten vergleichbar», sagt Behr – und kommt dabei auch auf die den Schaffhausern von der Konkurrenz bisweilen zugeschriebene Etikettierung als «Liga-Krösus» zu sprechen:«Schaut man auf das teure Kader des HC Kriens-Luzern und die üppige Ausstattung mit bezahlten Funktionären, die sicher hohen Mietkosten in der neuen Arena (die Eröffnung der Pilatus-Arena findet am 25. Oktober statt, Anm. d. Red.) und deren unglaublich hohe Angebote an einige unserer Spieler, erkennt man rasch, dass der ‹Krösus› am Vierwaldstättersee wohnt.»

    Eine veränderte Ausgangslage also, geht es nach Kadetten-Präsident Behr. Stellt sich die Frage: Wie können sich die Munotstädter in diesem Wettbewerb behaupten? «Es gibt kein einfaches Erfolgsrezept», stellt Behr klar. Vielmehr seien es «viele Zutaten zu unserem jährlichen Erfolgsmenü». Dazu zählt Behr neben dem Fanionteam auch die Nationalliga-B-Equipe der Kadetten Espoirs und die Nachwuchsabteilung. «Viele unserer tragenden Elemente kann man vermutlich nicht kopieren. Und die jahrzehntelange Erfahrung muss man sich auch zuerst mal erarbeiten», betont der seit 1992 amtierende Präsident, der zuvor viele Jahre als Spieler und Trainer bei den Kadetten aktiv war – und Weichen stellte.

    «Geduld hilft», sagt Behr. Tatsächlich verlief der Aufstieg in die nationale Handballspitze seit 1971 in mehreren Schritten über sieben bis zehn Jahre. «Mit der Eröffnung der ersten Halle im Schweizersbild 1996 konnten wir mehr Möglichkeiten für den Nachwuchs anbieten», so Behr rückblickend. Mit dem Aufbau der Kadetten Espoirs in Zusammenarbeit mit Gelbschwarz Schaffhausen, deren Aufstieg in die Nationalliga B sowie der Eröffnung der BBC-Arena mitsamt Campus 2012 entstand eine breite, solide Basis. «Das Marketingteam breitete den finanziellen Teppich für diese Anstrengungen aus, gelegentliche Misserfolge steckten wir weg», sagt Behr. In der Gönnervereinigung treffen sich heute etwa 200 Persönlichkeiten und Unternehmen aus der Region. Zudem sei die Funktionärsbasis laufend breiter geworden, und auch die gezielte Verjüngung komme gut voran.

    Nachwuchsarbeit und Handball Academy als Erfolgsgrundpfeiler

    Einen weiteren Grund für den Erfolg der letzten Jahrzehnte sieht der Kadetten-Präsident in der Nachwuchs-Arbeit des Vereins: «Entscheidend sind der breite Unterbau sowie die breite Abstützung. Wir sind in allen vier Elite-Kategorien vertreten, meist im vorderen Drittel.» Mit den Partnerklubs Gelbschwarz, Pfader Neuhausen und KJS Schaffhausen stellen die Kadetten auch Inter-Teams, also in der zweithöchsten Junioren-Spielklasse, und weitere Mannschaften bei den jüngeren Kategorien. Massgeblich zum Aufschwung beigetragen hat zudem die von Behr initiierte Suisse Handball Academy mitsamt der Goalkeeper Academy, «dank derer es immer mehr Talente in die obersten Schweizer Ligen schaffen», wie der Kadetten-Präsident betont. Im aktuellen Kader der Profimannschaft hat rund ein Drittel der Spieler die Ausbildung bei den Kadetten durchlaufen, zudem stellen sie regelmässig vier bis sechs Spieler in der Nationalmannschaft. Hinzu komme, dass man sich aufgrund der in der Randregion Schaffhausen vergleichsweise tiefen Wohn- und Lebenskosten ein oder zwei starke Spieler mehr im Kader leisten könne als die Konkurrenz. Dank einer modernen Infrastruktur mit der BBC-Arena – zu Grossteil von Behr selbst gestiftet – haben die Kadetten zudem vergleichsweise tiefe Mietkosten. «Das alles ist die Basis,die uns erlaubt, Jahr für Jahr vorne dabei zu sein. Aber so etwas schafft man nicht über Nacht», ist Behr überzeugt.

    Das Ziel der Kadetten heisst weiterhin Champions League

    Trotzdem, die Herausforderungen werden nicht kleiner. Insbesondere was Erfolge in den internationalen Wettbewerben anbelangt, die bei den Zuschauern mehr ziehen und auch finanziell grössere Möglichkeiten bieten. «Die Kadetten hoffen – wie jeder andere künftige Meister – darauf, wieder in der Champions League teilzunehmen», sagt Behr. Im Vergleich zu den am schlechtesten dastehenden Klubs in der deutschen und französischen Liga haben die Kadetten ein tieferes Budget. Daher seien «Live-Spiele im Staatsfernsehen, verbunden mit mehr Beachtung bei Zuschauern und Werbepartnern, für den Erfolg in Europa entscheidend», meint Behr. Doch hier liegt gemäss dem Kadetten-Präsidenten das Problem. «Das Schweizer Fernsehen weigert sich weiterhin, Champions-League-Gruppenspiele auszustrahlen. Somit fehlt uns ein TV-Vertrag, und wir haben keine Chance zur Aufnahme ins Teilnehmerfeld», betont Behr. Stattdessen werfe SRF immer mehr Geld in ausgetretene Pfade «und zeigt Fussball zwischen ausländischen Teams. Dies wird als Qualität und Idée suisse verkauft. Das soll jemand verstehen», echauffiert er sich.

    Eigentlich hatte Behr schon mit dem Handball abgeschlossen

    Ganz aus den Augen verloren hat Behr die Teilnahme an der «Königsklasse» aber noch nicht. Mit guten Leistungen und Titelgewinnen in den nationalen Wettbewerben und Achtungserfolgen in der European League gilt es, weiterhin auf sich aufmerksam zu machen. Entsprechend hoch sind Behrs Erwartungen an die Mannschaft und den Staff: «Was wir als Voraussetzungen bezüglich Kader, Infrastruktur und Event-Ambiente geschaffen haben, ruft nach Gegenleistungen auf dem Spielfeld. Daher geben sich Trainer und Team die Ziele gleich selbst vor – Schweizer Meisterund im Europacup so weit wie nur möglich.» Tolle Spiele, tolles Ambiente. Behr sieht sich auf seinem Weg nicht am Ende, obwohl er ursprünglich kein langes Engagement anstrebte. «1986 hatte ich mit Handball eigentlich abgeschlossen», sagt er im Rückblick. Die Rolle als Präsident kam mehr der Not als dem Trieb gehorchend und war zeitlich limitiert. «Aber die vielen Weggefährten in der technischen Leitung, im Marketing sowie im Nachwuchs haben entscheidend dazu beigetragen, dass ich länger geblieben bin.» Bis heute. Wichtig ist dem Klub-Präsidenten, dass sowohl der Aufbau^bei den Kadetten als auch die nun schon drei Hallenprojekte nur dank vielen engagierten Leuten, also immer mit starken Teams möglich waren, er aber keine Namen nenne, weil die Liste lang und deren Beitrag unterschiedlich sei. Gerne erinnert Behr in diesem Zusammenhang an den Ausspruch «l’appetito vien’ mangiando» (ital.) – der Appetit kommt bekanntlich beim Essen.

    Handballfeste in der BBC-Arena wie jenes am vergangenen Dienstag gegen Ademar León sind für ihn in diesem Sinne Bestätigung und Antrieb zugleich, die Kadetten auch weiterhin als Top-Adresse im Schweizer Handball zu festigen. Trotz – oder gerade wegen der gestiegenen Herausforderungen und Konkurrenz: «Und daher ist der Weg vielleicht doch noch nicht zu Ende.»

    Auch im Frauen-Handball tut sich bei den Kadetten etwas

    Seit dieser Saison nimmt die neu gegründete SG Kadetten/Weinfelden/Kreuzlingen an der Meisterschaft in der zweithöchsten Schweizer Frauen-Spielklasse, der Swiss Premium League 2, teil. «Diese Idee haben wir auf meine Initiative mit unseren Freunden vom HSC Kreuzlingen entwickelt, wir wollen unsere Zusammenarbeit in diesem Bereich intensivieren», berichtet Giorgio Behr. Bei den Damen hat die Spielgemeinschaft aller Schaffhauser Mannschaften mit dem Aufstieg in die 2. Liga einen wichtigen Schritt gemacht. «Aber um die Entwicklung zu beschleunigen, hilft natürlich ein Aushängeschild, ein Ziel für Talente, in der Nationalliga B», so Behr. «Mit dem neuen Team müssen talentierte Spielerinnen aus der Region nicht, wie bisher, schon in jungen Jahren nach Winterthur und dann St. Gallen pendeln», sieht Behr einen grossen Vorteil in der Schaffung der neuen Mannschaft. Gleichzeitig weiss er auch: «Selbstverständlich braucht es Geduld, bis unsere Region auch bei den Frauen und Juniorinnen überdurchschnittlich erfolgreich ist.» Gleichwohl hat der Kadetten-Präsident die Hoffnung, «dass wir so einige Jahre auf dem Weg zum Erfolg im Jugend- und Breitensport der Frauen gewinnen». Das Projekt nimmt an Fahrt auf, und die weitere Entwicklung im Frauenhandball ist vielversprechend. (fbl)

    Quelle: Fabio Bleise, Schaffhauser Nachrichten
    Bilder: Andre Frensel 1, Alexander Wagner 2

    Zur News-Übersicht